Handschriften

Gesamtkatalog der indonesischen Handschriften der Staatsbibliothek zu Berlin

Nach einer fast dreimonatigen Seefahrt von Jakarta nach Deutschland sind vor kurzem mehrere große und schwere Pakete in der Staatsbibliothek eingetroffen. Darin enthalten der erste Gesamtkatalog der indonesischen Handschriften der Staatsbibliothek – jedes Katalogexemplar im A4-Format, zwei Kilogramm schwer und 873 Seiten dick. Der Katalog ist des Ergebnis einer äußerst fruchtbaren Kooperation mit dem Indonesischen Nationalmuseum, die jetzt im Nachgang der im Oktober 2015 im Dietrich-Bonhoeffer-Saal der Staatsbibliothek stattgefundenen indonesischen Handschriftenausstellung „SchriftSprache – Aksara dan Bahasa“ zu einem solch „schwergewichtigen“ Ergebnis geführt hat. Korrekterweise müsste man zwar eigentlich von „Nusantara-Handschriften“ sprechen, denn Indonesien im heutigen Verständnis gab es zur Entstehungszeit der Handschriften noch nicht, aber da diese Bezeichnung auch international der Einfachheit halber üblich ist, wurde sie auch für diesen Katalog so übernommen.

Ein Katalogisierungsprojekt von Handschriften aus der ganzen Nusantara-Region würde jeden Experten vor eine unlösbare Aufgabe stellen: es gibt einfach zu viele Sprachen und auch Schriften. So konnte der Katalog auch nur von einem Expertenteam zusammengestellt werden. Die Finanzierung des Aufenthalts der jeweiligen Sprachexpert*innen in Berlin und auch des Druckes erfolgte ausschließlich durch das Indonesische Nationalmuseum. Folgende Wissenschaftler haben die Katalogeinträge erstellt: Abimarda Kurniawan, I Made Suparta, Kartika Setyawati, Lisa Misliani, Muhlis Hadrawi, Munawar Holil, Titik Pudjiastuti und Ulrich Kozok. Teilweise konnte auf bereits vorhandene Kataloge aus der Reihe des VOHD (Verzeichnis der Orientalischen Handschriften in Deutschland) oder andere Altkataloge zurückgegriffen werden; viele Handschriften wurden aber auch erstmals beschrieben. Von vielen Handschriften wurden Beispielbilder und Scans von Textauszügen beigegeben, vor allem von den Nichtpapierhandschriften wie z.B. den Batak-Pustaha auf Baumbast aus Sumatra und den Lontarpalmblatthandschriften aus Bali und Java.

Mittlerweile sind bereits mehr als 40% der Kataloginhalte in die Online-Datenbank www.orient-digital.de eingespielt worden; der Rest wird zeitnah ergänzt. Auch ein PDF des Katalogs ist in Vorbereitung und wird in Kürze als download bereitgestellt. Der Papier-Katalog kann über das Sekretariat der Orientabteilung bestellt werden.

Titik Pudjiastuti, Thoralf Hanstein (editors): Catalogue of Indonesian manuscripts – Collection Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. Bali-Java-Kalimantan-Lombok-Madura-Sulawesi-Sumatra-Sumbawa. Jakarta, Museum Nasional Republik Indonesia. 2016

Der Beitrag wurde von Dr. Thoralf Hanstein, Fachreferent für Arabistik, verfasst und erschien zuerst am 10.09.2018 im Blog der Staatsbibliothek

Neues Themenportal in CrossAsia

Jüngst haben wir erneut ein Themenportal auf unseren CrossAsia-Seiten online gestellt. Es handelt sich um das Themenportal Fung Asseng and Fung Ahok, in dem die Lebensläufte der möglicherweise ersten Chinesen, die je nach Deutschland gekommen sind, ihre Übersetzungen von Luthertexten, Nachfahren des ersteren sowie weiterführende Literatur zu beiden vorgestellt werden. Wir wünschen viel Spaß bei der Lektüre.

Weitere Themenportale folgen in Kürze.

Besuch des thailändischen Botschafters

Am 15. Februar 2018 besuchten der thailändische Botschafter, SE Dr. Dhiravat Bhumichitr, und Dr. Manusavee Monsakul, Botschaftsrätin für Politik, Bildung und Kultur, die Orientabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin. Der Botschafter übergab der Bibliothek 39 Bücher aus Thailand, 28 davon in Thailändisch. Es handelt sich hauptsächlich um Bücher bekannter thailändischer Autoren, deren Werke den Southeast Asian Writers Award, ein wichtiger Literaturpreis in Südostasien, gewonnen haben, wie z.B. Khropkhrua klang thanon (Familie auf der Straße) von Sila Khomchai, Phǣndin ʻư̄n (Ein anderes Land) von Kanokphong Songsomphan oder Rao long lư̄m ʻarai bāng yāng (Wir vergessen etwas) von Watchara Satchasarasin. Diese Bücher stellen eine wertvolle Ergänzung des Thailand-Bestandes der Staatsbibliothek dar, der mit ca. 15 000 Bänden (davon ca. 5000 in Thailändisch) den umfangreichsten in Deutschland bildet.

Herr Christoph Rauch, Leiter der Orientabteilung, und Frau Dr. Claudia Götze-Sam, Fachreferentin für Südostasien, informierten Herrn Dhiravat Bhumichitr und Frau Manusavee Monsakul über die thailändischen Bestände zu denen auch ca. 300 Handschriften aus Thailand gehören. Im Gespräch interessierten sich die Gäste besonders für die Bearbeitung und Präsentation der thailändischen Literatur in der Staatsbibliothek. Eine zukünftige Zusammenarbeit wurde erörtert. Beeindruckt waren die Gäste von den 10 thailändischen Handschriften, zumeist Faltbücher mit astrologischem Inhalt, die anlässlich des Besuchs gezeigt wurden. Ein Gang durch das Haus an der Potsdamer Straße beendete das Treffen.

 

DHARMASRAYA: DAS LETZTE BUDDHISTISCHE KÖNIGREICH IN SUMATRA – Vortragsankündigung

Die in Nord-Sumatra lebenden Batak sind nicht nur wegen ihrer kriegerischen Kultur und ihrer okkulten Praktiken bekannt. Sie habe auch eine beeindruckende Schriftkultur hervorgebracht. Dazu gehören die meist reich illustrierten Orakelbücher (pustaha). Die Staatsbibliothek besitzt mit 69 Batak-Handschriften eine der größten Sammlungen. Sie gehört zum Forschungsinteresse von Uli Kozok, Associate Professor, Department of Hawaiian and Indo- Pacific Languages and Literatures, University of Hawai’i und führte Prof. Kozok bereits mehrfach nach Berlin, so auch in diesem Jahr.

 Am 16. Juli 2017 hält er jedoch einen Vortrag über eine malaiische Handschrift, auf die er während eines Forschungsaufenthaltes in Zentralsumatra stieß. Es ist die bisher älteste bekannte malaiische Handschrift. Es handelt sich um das Gesetzbuch von Dharmasraya.

 DHARMASRAYA: DAS LETZTE BUDDHISTISCHE KÖNIGREICH IN SUMATRA

 Ort:

Botschaft der Republik Indonesien

Aula (2. Stock)

Lehrter Str. 16/17

10 557 Berlin

 

Datum & Uhrzeit:

Sonntag, 16. Juli 2017

11:00 – 14:00 Uhr

 

Wiedererwerbung der Druckausgabe der Dayak-Bibel von 1858

Im Februar 2017 konnte die Staatsbibliothek einen Kriegsverlust ersetzen, der auch in anderer Hinsicht den Bestand der Bibliothek bereichert.

Alles begann 1840 mit der Reise von August Hardeland zu der bis dahin nur wenig erschlossenen „Ausseninsel“ Borneo, genauer zu den indigenen Stämmen der Ngaju-Dayak in Zentral-/Süd-Borneo. Niederländisch-Indien konzentrierte sich zu dieser Zeit hauptsächlich auf die Insel Java, und erst langsam wurden weitere Inseln des Archipels dem Kolonialreich einverleibt.

Der in Kirchenkreisen nicht unumstrittene Hardeland (s. „Hardelandkonflikt“) war für die Rheinische Mission als Missionar tätig. Einem neuen Ansatz seiner Missionsgesellschaft folgend, sollte er sich auf Borneo u.a. um die Ausbildung von „Nationalgehülfen“, also von einheimischen Hilfslehrern, kümmern. Zusammen mit Friedrich Becker fertigte er eine Übersetzung des Neuen Testaments in die dortige Lokalsprache an, und nach Beckers Tod im Jahre 1849 im Alleingang eine Übersetzung des Alten Testaments (Surat brasi Djandji idjä solake). Da die Ngaju-Dayak keine Schrift hatten, benutzte Hardeland das lateinische Alphabet. Er fertigte auf die Drucklegung ausgerichtete, eigenhändige Manuskripte an. Nach seiner Rückkehr nach Europa wurde anhand dieser Vorlage eine Druckfassung des Alten und Neuen Testaments 1858 in Amsterdam besorgt. Ein Jahr später reiste Hardeland erneut als Missionar nach Südafrika – und nahm dabei seine Manuskripte mit, wie man dem Autograph entnehmen kann:

Auf dem Schmutzblatt der Handschrift ist folgender Vermerk eingeklebt: „Het eigenhandig Handschrift van Aug. Hardeland. Zijne vertaling van het Oude testament in de taal der Dajaks van Zuid-Borneo. Bij zijn vertrek van Z.O. Afrika ten geschenk gegeven aan Millies“.

Auf Seite 1 dann folgender Eintrag: „This translation was given by Hardeland to Prof. Millies, and in 1858 was printed at Amsterdam. From Prof. Millies … , Utrecht. May 1870…Brugge“.

Dieser 309seitige Autograph des Alten Testaments fand seinen Weg in die Bestände der Staatsbibliothek und wird unter der Signatur Ms. or. fol. 4319 im Handschriftenmagazin der Orientabteilung aufbewahrt.

Besitzt eine Bibliothek einen solchen Autograph, der auch noch als Basis zur Drucklegung diente, so ist es nur verständlich, dass auch dieser Druck zu den Beständen gehören sollte. Bis zum 2. Weltkrieg waren zwei Exemplare des zweibändigen Druckwerks des Alten Testaments in der damals noch Preußischen Staatsbibliothek verzeichnet – danach werden sie als Kriegsverlust geführt. Der Autograf selbst kam erst zu DDR-Zeiten in den Bestand der Deutschen Staatsbibliothek (Berlin-Ost), und erhielt daher nach der Wiedervereinigung die Akzessionsnummer acc.ms.or.1991.38. Jetzt ist es gelungen, diese Druckausgaben antiquarisch in den Niederlanden zu erwerben, sodass Autograph und Druck (Signatur 4 A 55114-1 und -2) wieder unter einem „Bibliotheksdach“ vereint sind.

Ms. or. fol. 4319, S. 1

 

Quellen und weiterführende Literatur:

Karl Böhmer: Beobachtungen zu den ersten Hermannsburger Missionarskursen im Hardelandkonflikt. in: Jobst Reller: Ausbildung für Mission: Das Missionsseminar Hermannsburg von 1849 bis 2012. LIT Verlag Münster 2016, S. 149-164;

Jan Lodewyk Swellengrebel: In Leijdeckers voetspoor : anderhalve eeuw bijbelvertaling en taalkunde in de indonesische talen. in: Verhandelingen van het Koninklijk Instituut voor Taal-, Land- en Volkenkunde. Teil I: 1820-1900. Leiden: Brill, 1974, 68.

 

Bildquelle: Carl Schwaner: Borneo. Beschrijving van het stroomgebied van den Barito en reizen langs eenige voorname rivieren van het zuid-oostelijk gedeelte van dat eiland door Dr. C. A. L. M. Schwaner. Amsterdam, 1854. Titelbild von Band 2. (nach Auguste van Pers und Heinrich von Gaffron, lithographiert bei C. W. Mieling).

Die tschagataische Handschriftensammlung in der Staatsbibliothek zu Berlin

Tschagataisch ist eine spätmittelalterliche Turksprache, die in Zentralasien weit verbreitet war. Das Wort selbst geht auf den Namen eines der Söhne Dschingis Khans zurück, Tschagatai Khan (um 1186-1242). Als zweiter und angeblicher Lieblingssohn des Welteroberers nahm er an der Einnahme Turkistans durch die Mongolen teil. Bei der 1229 auf einem so genannten Kuriltai beschlossenen Reichsteilung bekam er jene Gebiete als „Ulus“ zugesprochen, die sich von der Wüste Gobi im Osten bis zum Aralsee im Westen und vom Altai-Gebirge bis hinunter nach Afghanistan erstrecken. Das Tschagatai-Khanat hatte, wenn auch mit Einschränkungen, bis zum siebzehnten Jahrhundert Bestand. Die Sprache dieses Staatsgebildes, das Tschagataische, zählt trotz ihres mongolischen Namens zu den türkischen Idiomen und war eine Literatursprache, die sich in dem besagten Zeitraum aus dem Alt-Uigurischen entwickelt hat – also aus der Sprache der alten, noch buddhistischen Uiguren. Tschagataisch stand unter starkem Einfluss arabischer und persischer Elemente und wurde in der Regel mit dem persisch-arabischen Alphabet notiert. Im Vergleich zu anderen turkologischen Forschungsfeldern ist das Tschagataische übrigens, jedenfalls in Europa, verhältnismäßig wenig erforscht. Die modernen Turksprachen Usbekisch und Uigurisch haben sich aus dieser Sprache entwickelt.

Die Staatsbibliothek verfügt über etwas mehr als 190 Manuskripte in tschagataischer Sprache. Gemessen an der gewaltigen Zahl der übrigen islamischen Handschriften (ca. 17.000) ist der Umfang dieser Sammlung damit natürlich relativ gering. Tschagataische Handschriften sind auf sehr unterschiedlichen Wegen aus dem Orient in die Berliner Bibliothek gekommen. Seit 1817 wurden sie von verschiedenen Gesandten, Gelehrten, Buchhändlern oder Antiquaren wurde eine tschagataische Handschrift erworben. Zu nennen sind etwa Heinrich Friedrich Diez, Julius Heinrich Petermann, Aloys Sprenger und Martin Hartmann. Die meisten der tschagataischen Handschriften im Besitz der Staatsbibliothek gehören zur „Sammlung Hartmann“ (133 Titel), die im Jahre 1905 angekauft wurde. Zwei Objekte aus dieser Sammlung sind während des Zweiten Weltkriegs verloren gegangen. Hartmann hatte die Handschriften während seines Aufenthalts von 1902-1904 in Kaschgar und Yarkand im westlichsten Zipfel des heutigen Xinjiang gesammelt. Einige wenige stammen aus Taschkent und Baku. Ein Verzeichnis der tschagataischen Handschriften, das Hartmann 1904 selbst erstellt hat, ist noch vorhanden.

Eine Abbildung von insgesamt fünf Illustrationen aus der Handschrift Diwan Mir Ališer Nawa’i (Ms. or. quart. 1570, f. 157r)

Auch Johannes Awetaranian (1861-1919), ein in Ostanatolien geborener christlicher Missionar türkischer Abstammung, und der Berliner Tibetologe Georg Huth haben tschagataische Handschriften aus Xinjiang zusammengetragen.

Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts befanden sich etwa 170 tschagataische Manuskripte im Besitz der Staatsbibliothek. Die Sammlung wurde im Nachhinein nicht wesentlich erweitert. Erst in den 90er Jahren wurde eine tschagataische Handschrift erworben.

Der Anfang der Handschrift Diwan Mir Ališer Nawa’i ist mit einem sog. „Unwan“ verziert (Ms. or. quart. 1570, f. 1v)

Turkologen haben die Entwicklung der tschagataischen Sprache in drei Perioden eingeteilt. Die vorklassische Zeit umspannt den größeren Teil des fünfzehnten Jahrhunderts (1400-1465). Nur eine tschagataische Handschrift aus dem Berliner Bestand stammt aus dieser frühen Zeit, das Mahzan ul-Asrar, die „Schatzkammer der Geheimnisse.“ Das Bemerkenswerte an dieser Handschrift ist, dass die Sprache zwar Tschagataisch ist, sie aber in vorislamischer alt-uigurischer Schrift niedergeschrieben wurde. Die Kombination islamischen Gedankenguts mit alter Schrift buddhistischen Ursprungs ist sehr selten. Werke, auf die diese Kombination aus alter Schrift und neuem Glauben zutrifft, gibt es weltweit nur wenige.

Auf die vorklassische folgt die klassische Periode (1465-1600). Dichter wie Mir Ališer Nawa’i, Husayn Bayqara und Babur stehen für das literarische Schaffen dieser Zeit. Typische Beispiele dafür sind: die Külliyat des Nawa’i, oder der Diwan des Sultans Husayn Bayqara sowie der Diwan Ališer Nawa’i.

Die nachklassische Periode reicht bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert (1600-1921). Leider gibt es nur wenige Werke literarischer Natur, die eindeutig dieser Epoche zuzuordnen sind. Was uns vorliegt, ist meist eher profanen Inhalts, so ein Gerichtsprotokoll aus dem Jahre 1892 oder ein Handelsbuch von 1903.

Bei orientalischen Handschriften haben wir es praktisch immer mit Abschriften von Abschriften, also nicht mit originalen Autographen im heute geläufigen Sinne zu tun. Manche Handschriften sind eigens auf Wunsch der Sammler kopiert oder gelegentlich von den Sammlern eigenhändig abgeschrieben worden. Zum Teil wurden Werke zentralasiatischer Provenienz gar nicht vor Ort, sondern in Konstantinopel oder Herat hergestellt und haben erst von dort ihren Weg nach Zentralasien zurückgefunden.

Handschriften lassen sich etwa zu 15 Prozent dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert zurechnen. Die meisten, etwa 80 Prozent, sind dem neunzehnten Jahrhundert zuzuordnen. Die verbleibenden fünf Prozent lassen sich nicht eindeutig bestimmen. Sachlich können die Manuskripte folgenden Gruppen zugeteilt werden: klassische Literatur, hagiographische Literatur, religiöse Schriften, verschiedene „Risalas“ -Schriften, die Verhaltensregeln für bestimmte soziale Gruppen formulieren – medizinische Werke, Wörterbücher.

Alle tschagataische Handschriften werden bald in der seit letztem Jahr online gestalteten Datenbank der Berliner orientalischen Handschriften (http://orient-digital.staatsbibliothek-berlin.de) zu finden sein.