Reisen im Südwesten Chinas, 1899-1917

Der Nachlass Fritz und Hedwig Weiss – in Memoriam Tamara Wyss

Fritz Weiss – deutscher Konsul in China, – lebte und reiste von 1899 bis 1917 in China, mit Diplomatenposten in verschiedenen Städten wie Chengdu (Sichuan) und Kunming (Yunnan). Ab 1911 begleitete ihn seine Frau, Hedwig Weiss-Sonnenburg. Diese Ausstellung zeigt Impressionen aus der Zeit der Weissens in China in den Umbruchsjahren zwischen dem Ende der Qing-Dynastie und dem Beginn des Ersten Weltkriegs. Die Aufnahmen wurden von Fritz und Hedwig Weiss auf ihren Reisen per Schiff und zu Land, in Städten und abgelegenen Minderheitengebieten, und in ihrem Alltag gemacht.

Die Fotos dieser Ausstellung sind Teil des Nachlasses Weiss, den Tamara Wyss – Enkelin von Fritz und Hedwig Weiss – kurz vor ihrem viel zu frühen Tod der Staatsbibliothek zu Berlin vermacht hat. Die Ausstellung soll ihrer großartigen Arbeit am Nachlass gedenken und ihr Anliegen, die Geschichte ihrer Großeltern zu teilen, fortsetzen.

LEBEN

Hedwig Weiss-Sonnenburg

Hedwig Margarete Weiss-Sonnenburg, am 26. Oktober 1889 in Berlin geboren und am 5. September 1975 in Kitzingen verstorben, war eine deutsche Reiseschriftstellerin und Kinderbuchautorin. Hedwig war eine unternehmungslustige Frau, die die Welt kennenlernen wollte. 1911 heiratete sie Fritz Weiss und begleitete ihn für sechs Jahre nach Südwestchina, wo ihre beiden Töchter Jutta (1914) und Alice (1917) geboren wurden. Später waren sie in Äthiopien, wo ihr drittes Kind, Dieter, zur Welt kam, und Lateinamerika. Die Zeit in China hat Hedwig zeitlebens geprägt. In ihren Texten verarbeitet sie ihre Erlebnisse und Eindrücke von ihren Reisen. 1951 ändert sie ihren Namen in Wyss.

Fritz Weiss

Max Friedrich Weiss, am 23. Februar 1877 in Zürich geboren und am 22. Oktober 1955 in Heidelberg verstorben, war ein deutscher Diplomat und Orientalist. Fritz hatte Rechtswissenschaften und Chinesisch studiert. In China war er Konsul in Chengdu (Sichuan) und Yünnanfu (heute Kunming, Yunnan). Spätere Posten waren von 1921 bis 1928 in Addis Abeba, Äthiopien, sowie in einigen lateinamerikanischen Staaten. Nach der Machtübernahme der NSDAP verließ er 1934 seinen Botschafterposten, 1936 kehrte die Familie jedoch nach Berlin zurück. Fritz und Hedwig wurden beide von den Behörden als „Mischling“ klassifiziert, sie überlebten die NS-Zeit.

ORTE

1
2
3
4
1

Shanghai

2

Chongqing

3

Chengdu

4

Yunnan-fu

(Kunming)

Quelle: Bacons Large Excelsior Atlas of the World, Karte: Asia and Europe (Ausschnitt), London: Bacon, ca. 1920. Signatur der Staatsbibliothek zu Berlin: IIIC 2° Kart. B 1858

Chongqing

Das Ankommen

„Nie werde ich meinen ersten Eindruck vergessen, als ich in der Sänfte in die Stadt hinaufgetragen wurde. Die Träger vor mir, deren heisere Stimmen „Dsao kai“ – Platz da! – schrien und dann in singendem Tonfall „Bangko“, wenn sie das Querholz der Tragestange wechselten. Vor ihnen liefen die zwei „Wachsoldaten“ des Konsulates. Sie stoben dahin, kleine eckige Kerle, die Brust heraus, den Kopf zurückgeworfen. Sie trugen so etwas wie eine blaue Uniform, auf der vorne da „da doguo lingse“ (grosser deutscher Konsul) gestickt war. Aber in das geradezu unbeschreibliche Gewimmel in den Straßen war trotzdem nicht allzu leicht eine Bresche zu schlagen. Verkäufer und Lastenschlepper wurden auf die Seite gestoßen, störrische Maulesel vertrieben, Frauen und Kinder gewarnt.“

(Hedwig Weiss-Sonnenburg, Memoiren Teil II China)

Die Stadt

„Diese auf kantigem Sandstein aufgebaute Stadt zeigt weder Schönheit noch Lieblichkeit. Aber sie ist mit der Landschaft ganz und gar verwachsen. Stolz, ein wenig finster, blickt sie hinab auf die beiden schnell dahinströmenden Flüsse, von denen der eine kristallklar, grünlich, sich am Fuße ihrer Mauern mit den schmutzig-gelben Wegen seines großen Bruders, des Jangtsekiang, vermischt. Es sind die Adern, durch die der ganze Handel der reichen Provinz Szetschuan fließt, den Chungking durch ihre Tore hinabbleibt. Die im Zick-Zack die Stadt umschießende Mauer, von trotzigen Wachtürmen und geschwungenen Torbögen gekrönt, scheint kaum das überquellende Gewimmel der großen Häuser umfassen zu können […]“

(Hedwig Weiss-Sonnenburg, Memoiren Teil II China)

Das Konsulat

„Das deutsche Konsulatsgebäude, ein einfacher, halbeuropäischer Bau, liegt vor uns. Er ist lange nicht bewohnt gewesen, nur zeitweise residierte hier ein Vertreter des Konsulatsdienstes. Obwohl Chungking Handelszentrum der Provinz Szetchuan ist, ist Chengtu Sitz des Vizekönigs und Generalgouverneurs und also auch Amtssitz der ausländischen Vertreter. Das Haus ist hochgelegen, über die westliche Stadtmauer hinweg sieht man bis zu den nahen Bergen. Das grüne hügelige Land davor ist, wie in Ichang, ein einziges Gräberfeld. Das Haus selbst ist ebenso geräumig wie kalt.“

(Hedwig Weiss-Sonnenburg, Memoiren Teil II China)

Das Leben

„Wir hatten uns mit unserem Schicksal abgefunden, fürs erste in Chungking zu bleiben. Denn die Nachrichten aus Chengtu lauteten mit Sicherheit dahin, dass die Fremden alle herunterkommen würden, da dort völlige Anarchie herrsche. Unsere wenigen Deutschen wurden ebenfalls erwartet, und so blieb der Platz meines Mannes natürlich auch Chungking. Wir richteten unser Leben ein, so gut es ging. Vormittags versuchte mein Mann mit Hilfe der Nachrichten, die der chinesische Lettre brachte, kurze Situationsberichte zu entwerfen, die ich später nach seinem Diktat stenographierte. Nachmittags aber drängte es uns aus den kahlen vier Wänden heraus, und wir suchten uns auf eigene Faust in der Stadt zu orientieren. Zu diesem Zwecke hatten wir uns zwei Ponys angeschafft, denn das Getragenwerden in Sänften war nicht sehr angenehm, zumal dabei der eine stets weit von dem andern getrennt wurde.“

(Hedwig Weiss-Sonnenburg, Memoiren Teil II China)

REISEN

Überfahrt nach China

Fritz Weiss machte auf seinen Überfahrten nach China zahlreiche Fotos; für nur wenige kann jedoch nachvollzogen werden, aus welchem Jahr sie stammen. Hier einige Erinnerungen zu seiner ersten Überfahrt nach China im Herbst/Winter 1899 von Marseille vorbei an Port Said (Ägypten), durch den Suezkanal nach Aden (Jemen), Colombo (Ceylon), Penang (Malaysia), Singapur, Hongkong mit Ziel in Shanghai.

Durch die Drei Schluchten – von Shanghai nach Chongqing auf dem Yangzi, 1911

Fritz und Hedwig Weiss kamen zu einer Zeit in Shanghai an, als über Unruhen – die Vorboten der 1911er Revolution – in Sichuan berichtet wurde. Trotz der Gefahr machten Sie sich nach einem Aufenthalt in Shanghai auf den Weg nach – zuerst – Chongqing und dann weiter nach Chengdu, dem Sitz des Konsulats, an dem Fritz tätig war. Der einzige Weg ins Landesinnere von Sichuan war zu der Zeit per Schiff den Yangzi hinauf. Im Herbst und Winter war der Wasserstand zu niedrig, sodass sie kein Dampfschiff nehmen konnten, sondern per traditionellem Hausboot, dessen Besatzung je nach Situation ruderte, segelte oder treidelte.

„Beim Überschreiten der Stromschnellen (Seitenruder)“ (Weiß Westchina, Walze 2)

Dieses Lied wurde beim Stromabwärtsrudern gesungen und spiegelt die Situation beim Überwinden der Stromschnellen wieder.

Entlang des Anning- und Yalong-Flusses, 31. Juli-30. Oktober 1910

Im Spätsommer 1910 machte Fritz Weiss eine Reise in den äußersten Südwesten der Provinz Sichuan. Seine Reise führte ihn von Chengdu entlang des Min-Flusses bis Jiating, entlang des Anning-Flusses (Chien-chang Tal) bis zur Grenze von Yunnan, wo Yangzi und Yalong zusammenfließen.

„Dem Auswärtigen Amt lag inzwischen ein Antrag von mir vor, eine ausgedehnte Reise in den Südzipfel meiner Provinz zu unternehmen, um mich auch mit den dortigen Wirtschaftsverhältnissen vertraut zu machen. […] Ganz für mich selbst hatte ich aber die verwegene Idee, bei dieser nicht wiederkehrenden Gelegenheit einen Vorstoß in das geheimnisvolle LOLOLAND coûte que coûte zu unternehmen.“

„Ich will gleich vorausschicken, dass ich meine Rechnung ohne den Wirt, in diesem Falle den mir so wohlgesinnten Generalgouverneur Chao Erh Feng [Zhao Erfeng 趙爾豐, 1845-1911] gemacht hatte. Er hatte offenbar etwas von meiner Absicht gehört, was bleibt auch in China geheim?, und strengste telegrafische Weisungen an alle Behörden längs meiner Reiseroute ergehen lassen, mich auf jede Weise an jedem Versuch, begangene und sichere Wege zu verlassen, zu hindern. […] Das sind eben die unvermeidlichen Nachteile, wenn man als Amtsperson, als fremder Konsul damals im Innern Chinas reiste, für dessen Leben die hohen Provinzgouverneure sich mitverantwortlich fühlten. […] und nun wollte ich ausgerechnet gerade auch ins Land jener von den Chinesen verächtlich als Barbaren bezeichneten gefährlichen Bergbewohner!“

(Fritz Weiss, Memoiren, 1946)

NACHLASS

Tamara Wyss in Chongqing, 2002
Foto: privat, Fotografin: Lie Mei

Der Nachlass von Fritz und Hedwig Weiss an der Staatsbibliothek zu Berlin beinhaltet zahlreiche Schriften und Fotografien aus (und über) ihre Zeit in China, 1899-1917.

Fotografien sind insgesamt mehr als 1000 Stück erhalten. Neben Papierbildern, darunter ein Album mit Fotografien von der Ausreise aus China im Jahr 1917, sind Nitrat-Negative und Glasplatten enthalten. Zustand und Qualität der Fotografien und Reproduktionen sind sehr verschieden, aber insgesamt vermitteln sie einen sehr authentischen Eindruck aus den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts im Innern Chinas und bieten einen persönlichen Blick auf Land und Leute.

Neben Fotografien sind zahlreiche Schriftstücke im Nachlass enthalten. Von Fritz Weiss sind unter anderem seine Memoiren enthalten, sowie zahlreiche Veröffentlichungen und maschinenschriftliche Manuskripte, wie Reiseberichte, Berichte zu den wirtschaftlichen Verhältnissen in Yunnan und Sichuan sowie Berichte an das Auswärtige Amt, Briefe und ein Routen-Buch. Von Hedwig Weiss-Sonnenburg sind ebenfalls ihre Memoiren enthalten, sowie Tagebücher, veröffentlichte und in Manuskriptform erhaltene journalistische Arbeiten, Reiseberichte, und Kindergeschichten.

Darüber hinaus existieren Sammlungen von Fritz Weiss mit Alltagsgegenständen der Yi am Ethnologischen Museum, Staatliche Museen zu Berlin, – darunter auch Wachswalzen der Aufnahmen von Gesängen in China – und dem Museum Fünf Kontinente in München sowie zoologische Artefakte am Naturkundemuseum in Berlin.